Fachbeiträge zur digitalen Transformation im Finanz- und Rechnungswesen

Finance Automation SUMMIT 2026: Das Betriebsmodell ist tatsächlich der Engpass

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Vor dem Finance Automation SUMMIT 2026 haben wir gefragt: Automatisierung funktioniert — aber funktioniert auch das Betriebsmodell? Zwei Tage Praxisaustausch haben die Frage beantwortet. Die Antwort war überraschend einhellig. Christoph Gentz hat sie in der Eröffnungskeynote auf den Punkt gebracht: „Die entscheidende Frage ist nicht, was die Maschine kann, sondern wie sie in das Betriebssystem der Organisation passt."

Das technische Problem ist gelöst — was danach kommt, ist die eigentliche Aufgabe

Gentz beschrieb eine strukturelle Lücke, die viele Finance-Organisationen kennen: Leistungsfähige Systeme sind vorhanden, der stabile skalierbare Betrieb entsteht trotzdem nicht. Sein diagnostischer Rahmen bestand aus vier Steuerungsfragen, die jede Organisation beantworten muss, bevor Automatisierung wirklich trägt:

  • Welche Aufgaben verbleiben im Finance, welche werden abgegeben?
  • Wo treffen Systeme Entscheidungen, wo bleibt der Mensch verantwortlich?
  • Welche Daten gelten als verlässlich, und wer trägt die Verantwortung?
  • Welche Fähigkeiten müssen Teams aufbauen?

In der anschließenden Diskussionsrunde zur KI im Finance ergänzte Gentz: „Das eigentliche Problem liegt selten an den Daten selbst, sondern daran, dass sie nicht an der richtigen Stelle liegen — und das ist letztlich ein Führungs- und Organisationsproblem."

Am zweiten Tag hat Christian Obladen diese Perspektive weiterentwickelt. Digitalisierung im Finance ist, aus seiner Sicht, kein Effizienzprojekt. Es ist der Aufbau eines Systems, das sich skalieren lässt: Neue Projekte, neue Einheiten und neue Anforderungen laufen auf derselben Infrastruktur, statt neue Silos zu bilden. Das unterscheidet lokale Optimierung vom belastbaren Operating Model.

Vier Ebenen, auf denen der Engpass sichtbar wurde

Die Diagnose konkretisierte sich über beide Tage auf vier Ebenen.

Prozess: Tim Beck hat gezeigt, wie Piloten gelingen und Skalierung dennoch scheitert: an unklaren Übergaben, fehlender Integration, isolierten Use Cases ohne durchgängige Prozesslogik. Karsten Reinert hat aus der Betriebsperspektive ergänzt: „Ownership für Automatisierung und Prozesse muss klar geregelt sein. Es reicht nicht, wenn jeder nur seinen Bereich betrachtet — wir brauchen End-to-End-Verantwortung und echte Zusammenarbeit zwischen Accounting, IT und Dienstleistern."

Daten: Eva Weber hat die E-Rechnung klar positioniert: „Compliance ist nicht das Ziel, sondern der Startpunkt für den strategischen Wandel der Finanzfunktion." Christian Brestrich hat die Regulatorik konkretisiert: Ab 2027 berechtigt nur eine elektronische Rechnung im XML-Format zum Vorsteuerabzug. Wer jetzt ausschließlich formal umsetzt, verschenkt das Strukturpotenzial für AP-Automatisierung und die Grundlage für vernetzte Datenprozesse. Mehr zu hybriden E-Rechnungsprozessen

Steuerung: Hauke Fröhling hat am zweiten Tag eine Diagnose formuliert, die viele Diskussionen begleitete: Viele Unternehmen planen, aber nur wenige steuern tatsächlich. Der Grund liegt in der fehlenden Verbindung zwischen KPI, GuV und Liquidität. Solange diese Ebenen parallel laufen, entsteht Reporting. Steuerung entsteht erst, wenn sie integriert wirken und Szenarien unmittelbar Konsequenzen zeigen.

Kultur: Caroline Halbe hat die Dimension benannt, die in technischen Transformationsprojekten am häufigsten unterschätzt wird. Widerstand entsteht selten gegen neue Prozesse. Er entsteht gegen die Unsicherheit über die eigene Rolle: Was bedeutet meine Arbeit, wenn Systeme Ergebnisse liefern? Diese Frage bleibt häufig unausgesprochen. Sie entscheidet über Akzeptanz.

Agentic AI, Vibe Coding, 2030 — die nächste Stufe setzt auf dieser Basis auf

Auf der Grundlage dieser Diagnosen rückten die Entwicklungen in den Fokus, die gerade beginnen. Judith Leopold hat den Rollenwandel beschrieben: „Die Rolle von Accounting wandelt sich von der Buchungs- zur steuernden Funktion — der CFO wird zum Dirigenten von Daten und Governance." Agentic AI-Systeme im Finance verstehen Inhalte, ordnen Klärfälle zu, schlagen Kontierungen vor. Das verändert Prozesse und Aufgaben gleichermaßen.

Felix Holfelder hat eine weitere Verschiebung beschrieben: Mit dem Ansatz Vibe Coding formulieren Fachbereiche Anforderungen in natürlicher Sprache, KI übersetzt diese direkt in funktionierende Anwendungen. IT wird zur Plattform, der Bottleneck zwischen Fachbereich und Umsetzung löst sich auf.

Felix True und Christian Große-Brookhuis haben das Zielbild bis 2030 skizziert: „Die eigentliche Effizienz entsteht, wenn Mensch und KI im Invoice-Prozess zusammenarbeiten: 70 bis 80 Prozent der Standardfälle laufen automatisiert, für Sonderfälle bleibt der Mensch im Loop."

Fünf Entscheidungen für 2026

Die Abschlussdiskussion hat die Inhalte beider Tage auf fünf strukturelle Entscheidungen verdichtet:

  1. Der Abschluss wird als kontinuierlicher Prozess verstanden, nicht mehr als monatliches Ereignis.
  2. Datenqualität und Standards werden priorisiert, bevor weitere Automatisierung folgt.
  3. Die Steuerungslogik wird neu gedacht: weg vom Reporting, hin zu aktiver Steuerung.
  4. Rollen im Finance werden neu definiert: weniger Bearbeitung, mehr Verantwortung.
  5. Automatisierung und KI werden auf Basis klarer Prozesse eingesetzt, nicht als Ersatz dafür.

Diese Punkte zeigen, dass Fortschritt weniger durch weitere Initiativen entsteht als durch Priorisierung und klare Entscheidungen. Alle Vorträge und Diskussionen des Finance Automation SUMMIT 2026 sind in der Mediathek abrufbar.

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