Fachbeiträge zur digitalen Transformation im Finanz- und Rechnungswesen

Finance Automation SUMMIT 2026: Das Betriebsmodell ist tatsächlich der Engpass

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Vor dem Finance Automation SUMMIT 2026 haben wir gefragt: Automatisierung funktioniert — aber funktioniert auch das Betriebsmodell? Zwei Tage Praxisaustausch haben die Frage beantwortet. Die Antwort war überraschend einhellig. Christoph Gentz hat sie in der Eröffnungskeynote auf den Punkt gebracht: „Die entscheidende Frage ist nicht, was die Maschine kann, sondern wie sie in das Betriebssystem der Organisation passt."

Das technische Problem ist gelöst — was danach kommt, ist die eigentliche Aufgabe

Gentz beschrieb eine strukturelle Lücke, die viele Finance-Organisationen kennen: Leistungsfähige Systeme sind vorhanden, der stabile skalierbare Betrieb entsteht trotzdem nicht. Sein diagnostischer Rahmen bestand aus vier Steuerungsfragen, die jede Organisation beantworten muss, bevor Automatisierung wirklich trägt:

  • Welche Aufgaben verbleiben im Finance, welche werden abgegeben?
  • Wo treffen Systeme Entscheidungen, wo bleibt der Mensch verantwortlich?
  • Welche Daten gelten als verlässlich, und wer trägt die Verantwortung?
  • Welche Fähigkeiten müssen Teams aufbauen?

In der anschließenden Diskussionsrunde zur KI im Finance ergänzte Gentz: „Das eigentliche Problem liegt selten an den Daten selbst, sondern daran, dass sie nicht an der richtigen Stelle liegen — und das ist letztlich ein Führungs- und Organisationsproblem."

Am zweiten Tag entwickelte Christian Obladen diese Perspektive weiter. Digitalisierung im Finance ist, aus seiner Sicht, kein Effizienzprojekt. Es ist der Aufbau eines Systems, das sich skalieren lässt: Neue Projekte, neue Einheiten und neue Anforderungen laufen auf derselben Infrastruktur, statt neue Silos zu bilden. Das unterscheidet lokale Optimierung vom belastbaren Operating Model.

Die Dringlichkeit hat eine strukturelle Grundlage. Studien, die Gentz in seiner Keynote zitierte, machen das Ausmaß greifbar: 44 Prozent der Mitarbeitenden verstehen nicht, warum ihr Unternehmen sich transformiert. Das ist kein Kommunikationsproblem, es ist ein Führungsproblem. Gleichzeitig zeigt eine EY-Studie: Finance-geführte Transformationen sind 2,6-mal erfolgreicher als solche, die anderswo verankert sind. Und der demographische Druck verschärft den Handlungsbedarf: 30 Prozent der Stellen im Accounting scheiden in den nächsten fünf Jahren altersbedingt aus. Automatisierung trifft auf schrumpfende Teams. Wer das Operating Model heute nicht aufbaut, hat morgen keinen Puffer mehr.

Vier Ebenen, auf denen der Engpass sichtbar wurde

Die Diagnose konkretisierte sich über beide Tage auf vier Ebenen.

Prozess: Wie Piloten gelingen und Skalierung dennoch scheitert, beschrieb Tim Beck konkret: an unklaren Übergaben, fehlender Integration, isolierten Use Cases ohne durchgängige Prozesslogik. Aus der Betriebsperspektive ergänzte Karsten Reinert: „Ownership für Automatisierung und Prozesse muss klar geregelt sein. Es reicht nicht, wenn jeder nur seinen Bereich betrachtet — wir brauchen End-to-End-Verantwortung und echte Zusammenarbeit zwischen Accounting, IT und Dienstleistern." Eine Dunkelverbuchungsquote von 60 Prozent hält Reinert für erreichbar, wenn Lieferanten strukturierte Formate konsequent einhalten. ifm geht dabei aktiv vor: Ein eigener Dienstleister nimmt Kontakt zu Lieferanten auf, wenn eingehende ZUGFeRD-Rechnungen die Formatvorgaben nicht erfüllen. Wer passiv wartet, bis das System Probleme aufdeckt, bleibt deutlich unter dieser Marke.

Daten:Eva Weber positionierte die E-Rechnung mit einer klaren These: „Compliance ist nicht das Ziel, sondern der Startpunkt für den strategischen Wandel der Finanzfunktion." Den regulatorischen Rahmen brachte Christian Brestrich auf den Punkt: Ab 2027 berechtigt nur eine elektronische Rechnung im XML-Format zum Vorsteuerabzug. Wer jetzt ausschließlich formal umsetzt, verschenkt das Strukturpotenzial für AP-Automatisierung und die Grundlage für vernetzte Datenprozesse. Mehr zu hybriden E-Rechnungsprozessen. Was 2027 konkret bedeutet, welche technischen Fehlerklassen verbreitet sind und was unterschiedliche Unternehmenstypen jetzt sinnvoll tun können, vertieft Von der Pflicht zur Infrastruktur: Was Invoice Output Management ab 2027 wirklich entscheidet.

Steuerung: Am zweiten Tag formulierte Hauke Fröhling eine Diagnose, die viele Diskussionen begleitete: Viele Unternehmen planen, aber nur wenige steuern tatsächlich. Der Grund liegt in der fehlenden Verbindung zwischen KPI, GuV und Liquidität. Solange diese Ebenen parallel laufen, entsteht Reporting. Steuerung entsteht erst, wenn sie integriert wirken und Szenarien unmittelbar Konsequenzen zeigen. Wie Fröhling diesen Ansatz konkret ausarbeitet, beschreibt Finance auf Sicht.

Kultur: Die am häufigsten unterschätzte Dimension technischer Transformationsprojekte brachte Caroline Halbe beim FAS 2026 auf den Punkt. Im Finance war Excel nicht nur ein Werkzeug. Es war ein Träger von Expertise-Sichtbarkeit: Wer komplexe Modelle baute, Formeln beherrschte und Auswertungen lieferte, machte Kompetenz greifbar. Wenn Automatisierung und KI diese Aufgaben übernehmen, entsteht eine Frage, die selten ausgesprochen wird: Wo wird der eigene Wertbeitrag sichtbar, wenn das bisherige Werkzeug wegfällt? Halbe beschreibt einen Kreditoren-Workshop, in dem eine Kollegin ihre manuelle Verbuchungsroutine verteidigt. Nicht aus Irrationalismus, sondern weil sie darin ihre Bedeutung findet. Diese Dynamik wiederholt sich in Finance-Organisationen überall. Das World Economic Forum benennt die Richtung: Wertbeitrag verlagert sich von Ausführung zu Urteilskraft. Führungskräfte müssen diese Verschiebung aktiv erklären, bevor sie Prozesse verändern.

Agentic AI, Vibe Coding, 2030 — die nächste Stufe setzt auf dieser Basis auf

Auf der Grundlage dieser Diagnosen rückten die Entwicklungen in den Fokus, die gerade beginnen. Den Rollenwandel fasste Judith Leopold präzise zusammen: „Die Rolle von Accounting wandelt sich vom operativen Kontrolleur zur steuernden Funktion — der CFO wird zum Dirigenten von Daten und Governance." Agentic AI-Systeme im Finance verstehen Inhalte, ordnen Klärfälle zu, schlagen Kontierungen vor. Das verändert Prozesse und Aufgaben gleichermaßen.

Eine weitere Verschiebung beschrieb Felix Holfelder: Mit dem Ansatz Vibe Coding formulieren Fachbereiche Anforderungen in natürlicher Sprache, KI übersetzt diese direkt in funktionierende Anwendungen. IT wird zur Plattform, der Bottleneck zwischen Fachbereich und Umsetzung löst sich auf.

Das Zielbild bis 2030 konkretisierten Felix True und Christian Große-Brookhuis: Ein zentrales Mail-Gateway validiert eingehende Rechnungen, erkennt Fehler und benachrichtigt Lieferanten automatisch. Standardfälle laufen regelbasiert durch; für Ausnahmen bleibt der Mensch im Prozess. Die Grundlage dafür: ViDA und neue Meldepflichten ab 2030 machen kontinuierliche, maschinenlesbare Datenströme zur Pflicht, nicht zur Option.

Fünf Entscheidungen für 2026

Die Abschlussdiskussion hat die Inhalte beider Tage auf fünf strukturelle Entscheidungen verdichtet:

  1. Der Abschluss wird als kontinuierlicher Prozess verstanden, nicht mehr als monatliches Ereignis.
  2. Datenqualität und Standards werden priorisiert, bevor weitere Automatisierung folgt.
  3. Die Steuerungslogik wird neu gedacht: weg vom Reporting, hin zu aktiver Steuerung.
  4. Rollen im Finance werden neu definiert: weniger Bearbeitung, mehr Verantwortung.
  5. Automatisierung und KI werden auf Basis klarer Prozesse eingesetzt, nicht als Ersatz dafür.

Diese Punkte zeigen, dass Fortschritt weniger durch weitere Initiativen entsteht als durch Priorisierung und klare Entscheidungen. Alle Vorträge und Diskussionen des Finance Automation SUMMIT 2026 sind in der Mediathek abrufbar.

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