IFRS 18: Compliance-Projekt oder Katalysator für Continuous Close und die Modernisierung von Record-to-Report?

Wir sind weiter beim “Drehen und Wenden” der aktuellen Veränderungen rund um das Thema Record-to-Report (R2R). Wie bereits im letzten Beitrag diskutiert, sehen wir, dass das Thema sich von der klassischen End-to-End-Betrachtung der Abschluss- und Berichtskette zunehmend der Fragestellung zuwendet, wie Finance-Organisationen schneller, belastbarer und steuerungsfähiger werden. Continuous Close, Closing Automation und ein konsistentes Datenmodell sind dabei keine technischen Selbstzwecke. Sie werden zu Voraussetzungen, damit Unternehmen auf Veränderungen früher reagieren und Finanzdaten nicht erst nach Periodenende belastbar nutzen können.

IFRS 18 ist der neue Rechnungslegungsstandard für Darstellung und Offenlegung von Finanzinformationen, gültig ab dem 1. Januar 2027. In der praktischen Umsetzung berührt er genau jene Themen, die für die Modernisierung von R2R ohnehin zentral sind: Datenqualität, Kontenlogik, Mapping, Governance und die Automatisierung von Abschlussprozessen.

Was IFRS 18 von Finance-Teams verlangt

Der Standard verfolgt das Ziel, Finanzinformationen besser vergleichbar und nachvollziehbarer zu machen. Unternehmen sollen Ergebnisse einheitlicher strukturieren und den Einsatz eigener Management-Kennzahlen transparenter erläutern.

Konkret führt IFRS 18 unter anderem ein:

  • neue Kategorien für Erträge und Aufwendungen in der GuV
  • verpflichtende Zwischensummen in der Gewinn- und Verlustrechnung
  • Offenlegungspflichten für sogenannte Management-defined Performance Measures (interne Kennzahlen, die extern kommuniziert werden)
  • neue Anforderungen an die Aggregation und Aufgliederung von Finanzinformationen

Diese Änderungen wirken auf den ersten Blick überschaubar. In der Praxis zeigt sich jedoch schnell: Wer Definitionen für operative Ergebnisse anpassen, Bereinigungslogiken dokumentieren und konzernweit einheitliche Zuordnungsregeln schaffen muss, landet rasch bei grundsätzlichen Fragen zur Prozess- und Systemarchitektur.

Daten, Governance, Strukturen: die eigentliche Umsetzungsaufgabe

Viele Finance-Organisationen verfügen bereits über moderne ERP-Systeme, Konsolidierungslösungen oder Reporting-Plattformen. Gleichzeitig existieren unterschiedliche Kontierungspraktiken, lokale Sonderregelungen und historisch gewachsene Reportingstrukturen, dazu Excel-basierte Arbeitsschritte, die über Jahre entstanden sind und heute fester Bestandteil des Abschlussprozesses sind.

IFRS 18 macht diese Unterschiede sichtbar. Die Diskussion verschiebt sich dadurch von der fachlichen Interpretation des Standards hin zur Belastbarkeit der zugrunde liegenden Daten- und Governance-Strukturen. Konkret werden diese Fragen drängender:

  • Stammdatenqualität und konsistente Kontenpläne
  • Konten- und Mappingstrukturen über Einheiten hinweg
  • Dokumentationsstandards für Ergebnisdefinitionen
  • Governance-Regeln für Klassifizierungsentscheidungen
  • Nachvollziehbarkeit von Management-Kennzahlen

Wer diese Fragen heute nicht klar beantworten kann, wird sie spätestens im Rahmen der IFRS-18-Umsetzung stellen müssen.

IFRS 18 als R2R-Thema: wo der Standard in die Prozesskette eingreift

Die Anforderungen von IFRS 18 greifen an mehreren Stellen der R2R-Kette gleichzeitig: Konten müssen neuen Kategorien zugeordnet werden, Abschluss- und Konsolidierungsprozesse die neuen Ergebnisstrukturen konsistent abbilden. Für Management-Kennzahlen kommen Dokumentationspflichten hinzu, die konzernweit einheitlich gelten sollen.

Hier entstehen die drängendsten Fragen:

  • Sind die bestehenden Kontenpläne ausreichend differenziert?
  • Lassen sich neue Ergebnisstrukturen ohne manuelle Nacharbeiten erzeugen?
  • Wie werden Management-defined Performance Measures dokumentiert und freigegeben?
  • Welche Anpassungen sind in Reporting-Packages notwendig?
  • Wer verantwortet konzernweite Klassifizierungsregeln?

Diese Fragen liegen an der Schnittstelle von Accounting, Group Reporting, Controlling und Finance Transformation. Sie sind nicht neu. IFRS 18 gibt ihnen einen verbindlichen Umsetzungstermin.

Closing Automation und Continuous Close als funktionale Verlängerung

Wo zusätzliche Transparenz, Dokumentation und Nachvollziehbarkeit gefordert werden, steigt der Aufwand für manuelle Prozesse. Viele Unternehmen prüfen deshalb, welche Tätigkeiten sich systemseitig absichern oder automatisieren lassen - besonders häufig betrifft das Kontenabstimmungen (Reconciliations), Journal-Entry-Prozesse, Konsolidierungsschritte sowie Dokumentations- und Freigabeprozesse.

Eine Beobachtung, die wir auf den Shift/Finance Events immer wieder mitbekommen: Closing Automation funktioniert nur, wenn die zugrundeliegenden Prozesse standardisiert sind. Fragmentierte Kontenstrukturen, lokale Sonderregelungen und inkonsistente Buchungslogiken erzeugen Ausnahmen, die automatisierbare Abläufe blockieren. Der Engpass liegt selten in der Technologie, sondern in der Regelklarheit und Governance.

Genau hier trifft IFRS 18 auf das Continuous-Close-Zielbild: Viele Finance-Organisationen verfolgen seit Jahren das Ziel, Abschlussfähigkeit früher im Zeitraum herzustellen. Ein belastbares Continuous-Close-Modell braucht konsistente Klassifizierungen, standardisierte Datenmodelle und nachvollziehbare Ergebnisdefinitionen. Genau diese Themen werden im Rahmen der IFRS-18-Umsetzung adressiert.

Compliance-Pflicht oder Modernisierungsimpuls: zwei Umsetzungslogiken

In der Praxis zeichnen sich zwei Herangehensweisen ab. Der erste Weg konzentriert sich auf die regulatorische Umsetzung: neue Anforderungen fristgerecht abbilden, erforderliche Anpassungen im Reporting vornehmen.

Der zweite Weg nutzt IFRS 18 als Anlass für eine breitere Modernisierung. Dabei werden Fragen zur Finance-Architektur, zu Datenmodellen, Governance-Strukturen und Automatisierung gemeinsam betrachtet. Typische Projektfelder:

  • Harmonisierung von Ergebnisdefinitionen
  • Modernisierung von Group Reporting
  • Einführung von Closing Automation
  • Optimierung von Governance-Prozessen
  • Vorbereitung von Continuous-Close-Initiativen

Die Entscheidung zwischen beiden Ansätzen beeinflusst den Projektumfang oft stärker als die eigentlichen Anforderungen des Standards.

Fazit: IFRS 18 ist als Impuls für eine steuerungsorientierten Finanzarchitektur

IFRS 18 verändert die Darstellung von Finanzinformationen. Die weiter reichenden Auswirkungen entstehen dort, wo Ergebnisdefinitionen, Datenstrukturen und Abschlussprozesse aufeinandertreffen.

Dieser Anpassungsdruck trifft auf eine Debatte, die auf den Shift/Finance Events zunehmend geführt wird: R2R entwickelt sich von einer rückblickenden Berichtskette zu einer steuerungsorientierten Finanzarchitektur. Unternehmen, die den Standard als Anlass zur Überprüfung ihrer R2R-Architektur nutzen, schaffen zugleich Grundlagen für schnellere Abschlüsse, bessere Governance und eine resilientere Finanzsteuerung.

Wie Unternehmen diesen Weg konkret angehen und welche Ansätze sich in der Praxis bewähren, ist u.a. Thema auf dem nächsten Shift/Finance Record-to-Report FORUM.

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