Fachbeiträge zur digitalen Transformation im Finanz- und Rechnungswesen

Was ist ESG-Nachhaltigkeitsreporting im Finance?

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ESG-Nachhaltigkeitsreporting ist durch die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) der EU von einer freiwilligen Praxis zur regulatorischen Pflicht geworden und damit zur Finance-Aufgabe. Nicht mehr Kommunikation oder Investor-Relations verantworten den Nachhaltigkeitsbericht, sondern Finance: mit Audit-Trail, Wirtschaftsprüfer-Bescheinigung und Integration in den Lagebericht. Das ist eine Erweiterung des Finance-Datenmodells, keine optionale Berichterstattungsoption.

Für Finance-Verantwortliche stellt sich damit nicht mehr die Frage ob, sondern wie: Wie werden ESG-Daten mit derselben Qualität produziert wie Finanzdaten? Welche Prozesse, Systeme und Verantwortlichkeiten braucht das?

Was ist ESG-Nachhaltigkeitsreporting und warum ist es eine Finance-Aufgabe?

ESG-Nachhaltigkeitsreporting beschreibt die Offenlegung von Daten zu ökologischen (Environmental), sozialen (Social) und Governance-Dimensionen eines Unternehmens. Mit der CSRD (EU-Richtlinie 2022/2464/EU) ist es für einen wachsenden Kreis von Unternehmen in gestaffelten Zeitschritten ab 2024 verpflichtend geworden.

Finance ist dabei nicht nur Betroffener, sondern zentraler Umsetzer: Nachhaltigkeitsdaten müssen nach den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) erstellt, in den Lagebericht integriert und von Wirtschaftsprüfern bescheinigt werden. Diese Anforderungen kennt Finance aus der Finanzbuchhaltung; sie werden jetzt auf einen neuen Datenbereich ausgeweitet. Die ESRS wurden von der EFRAG (European Financial Reporting Advisory Group) entwickelt und von der EU-Kommission als delegierte Verordnung verabschiedet.

Inhaltlich strukturiert sich das Reporting entlang drei Emissions-Scopes: Scope 1 (eigene direkte Emissionen), Scope 2 (bezogene Energie) und Scope 3 (vor- und nachgelagerte Lieferkette), ergänzt durch soziale KPIs und Governance-Metriken wie Diversität in Führungsgremien und Anti-Korruptions-Prozesse.

Was verlangt die CSRD von Finance konkret?

Die CSRD stellt drei operative Kernanforderungen an die Finance-Funktion:

Neue Datenpunkte erheben und pflegen: Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Emissionen, soziale KPIs (Mitarbeiterzahlen, Unfallhäufigkeiten, Lohnlücken) und Governance-Metriken sind zu quantifizieren. Diese Daten kommen aus Bereichen, die bisher nicht zum Finanz-Reporting beigesteuert haben. Das erfordert neue Zusammenarbeit zwischen Finance, HR, Operations und Einkauf.

Audit-Trail und Prüfbarkeit sicherstellen: Nachhaltigkeitsdaten müssen mit derselben Rückverfolgbarkeit dokumentiert werden wie Finanzdaten. Ein Wirtschaftsprüfer bescheinigt die Nachhaltigkeitserklärung, zunächst mit begrenzter Prüfsicherheit (Limited Assurance), langfristig mit hinreichender Prüfsicherheit (Reasonable Assurance). Dieser Anforderungssprung ist für viele Unternehmen heute noch nicht realisiert.

Integration in den Lagebericht: Nachhaltigkeitsberichte dürfen nicht mehr als separates Dokument erscheinen, sondern müssen in den Lagebericht integriert werden. Das erzwingt eine inhaltliche und prozesstechnische Verzahnung von Financial und Non-Financial Reporting und damit eine koordinierende Rolle von Finance im ESG-Reporting-Prozess.

Wie verändert CSRD die Kernprozesse FP&A und Record-to-Report?

CSRD ist kein Compliance-Thema, das Finance einmalig abhandelt. Es verändert zwei Kernprozesse nachhaltig:

FP&A: Die integrierte Unternehmenssteuerung muss finanzielle und nicht-finanzielle Kennzahlen zusammenführen. Klimarisiken, CO2-Preise und Lieferkettenrisiken werden zu Planungsparametern. FP&A-Teams müssen neue Modellierungsansätze entwickeln, die über klassische Financial KPIs hinausgehen und die ESRS-Anforderungen bereits in der Planungslogik berücksichtigen.

Record-to-Report: Der Abschlussprozess erweitert sich um einen neuen Datenstrang. Genau wie Finanzdaten müssen ESG-Daten am Periodenende vorliegen, geprüft und in das Berichtsdokument integriert sein. Das verlängert und komplexifiziert den Fast-Close-Prozess, solange keine ausgereifte ESG-Dateninfrastruktur existiert. Die Verbindung zu Record-to-Report ist direkt: ESG-Reporting ist ein zweiter Abschlussstrang neben dem Finanzabschluss.

Systemlandschaft: Wo kommen ESG-Daten her?

Eine der zentralen praktischen Herausforderungen ist die Datenarchitektur: ESG-Daten entstehen in Systemen, die nicht für Finance-Reporting ausgelegt sind, etwa Energiedaten in Facility-Management-Systemen, HR-Daten in Personalinformationssystemen, Lieferkettendaten in ERP und Einkaufssystemen.

Unternehmen stehen bei der Systemwahl vor drei Ansätzen:

  • ERP-Erweiterungen: SAP, Oracle und andere Anbieter erweitern ihre Plattformen um ESG-Module, eng integriert, aber abhängig von der ERP-Landschaft.
  • Dedizierte ESG-Plattformen: Spezialsysteme wie Watershed, Sweep oder IBM Envizi bieten tiefere ESG-Datenverwaltung und Scope-3-Berechnungslogik, erfordern aber eigene Systemintegration.
  • Hybridansätze: ERP als Datenaggregator, ESG-Tool für Berechnungen und Validierung, CPM-/Konsolidierungssystem für die Berichtserstellung.

Welcher Ansatz trägt, hängt von der bestehenden Systemlandschaft und der CSRD-Reife des Unternehmens ab. Die Datenarchitektur-Entscheidung hat direkten Einfluss auf den Audit-Trail und damit auf die Prüfbarkeit.

Fazit: ESG-Reporting als Finance-Aufgabe mit Fristencharakter

CSRD macht ESG-Nachhaltigkeitsreporting zur Finance-Aufgabe mit denselben Qualitätsansprüchen wie Finanzdaten. Das ist kein Zusatzprojekt, sondern eine ernsthafte Erweiterung: neues Datenmodell, neue Prozesse, neue Systemarchitektur, neue Zusammenarbeit mit anderen Unternehmensbereichen.

Der entscheidende Unterschied zu früheren freiwilligen Nachhaltigkeitsberichten: Diesmal gibt es Fristen, prüfbare Standards und Wirtschaftsprüfer-Bescheinigung. Finance steht damit vor einer Aufgabe, die der Einführung eines neuen Rechnungslegungs-Standards ähnelt, mit dem Unterschied, dass die Datenquellen außerhalb der bisherigen Finance-Kontrolle liegen.

Auf den Shift/Finance Events diskutieren wir ESG-Reporting als Finance-Thema: Datenarchitektur, Prozessdesign für Limited und Reasonable Assurance, FP&A-Integration und die Abgrenzung von Finance- und Sustainability-Verantwortung. Mehr dazu im FP&A-Themenfeld und in der Shift/Finance Themenübersicht. Wer ESG-Reporting im Kontext der regulatorischen Gesamtlast einordnen möchte, findet Anschlusspunkte bei Pillar Two und ViDA.

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