Fachbeiträge zur digitalen Transformation im Finanz- und Rechnungswesen

Was ist Pillar Two - die globale Mindeststeuer?

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Pillar Two ist seit 2024 laufende Compliance-Pflicht, nicht mehr Zukunftsprojekt. Die EU-Mindestbesteuerungsrichtlinie gilt, der GloBE Information Return (GIR) muss eingereicht werden, und Finance-Teams stehen mitten in der Übergangsphase: oft noch mit manuellen Excel-Lösungen, wachsenden Auslegungsfragen und erheblichem Abstimmungsaufwand zwischen Tax und Finance.

Das Besondere an Pillar Two ist seine Komplexität: Anders als klassische Steuerregelwerke operiert GloBE nicht auf Konzernebene, sondern je Jurisdiktion und je Entität. Das stellt Finance vor Datenanforderungen, die bestehende ERP-Systeme und Konsolidierungsprozesse nicht standardmäßig abdecken.

Was ist Pillar Two (die globale Mindeststeuer)?

Pillar Two ist Teil des OECD/G20-Projekts zur Bekämpfung von Gewinnverschiebung und schädlichem Steuerwettbewerb. Der Kern: Multinationale Unternehmensgruppen mit einem konsolidierten Jahresumsatz von mehr als 750 Millionen Euro müssen sicherstellen, dass ihre Gewinne in jeder Jurisdiktion, in der sie tätig sind, mit mindestens 15 % effektiv besteuert werden.

Liegt der effektive Steuersatz in einer Jurisdiktion unter 15 %, wird eine Ergänzungssteuer (Top-up Tax) erhoben, entweder durch den Staat, in dem die Untergesellschaft sitzt (Qualified Domestic Minimum Top-up Tax, QDMTT), oder durch den Staat der Muttergesellschaft (Income Inclusion Rule, IIR). Die Regellogik basiert auf den GloBE Model Rules der OECD.

Die EU-Mindestbesteuerungsrichtlinie (Directive 2022/2523/EU) hat Pillar Two in geltendes EU-Recht überführt. Für europäische Konzerne im Anwendungsbereich gilt sie seit dem Geschäftsjahr 2024.

Wie funktionieren GloBE-Berechnungen?

GloBE-Berechnungen sind komplex, weil sie nicht auf Konzerndaten, sondern auf länderspezifischen Daten je Jurisdiktion basieren. Die Schritte im Überblick:

Schritt 1: GloBE-Einkommen je Jurisdiktion berechnen: Das GloBE-Einkommen entspricht dem handelsrechtlichen Vorsteuerergebnis, angepasst um definierte GloBE-Anpassungen (z. B. Dividendenausschüttungen, bestimmte steuerfreie Erträge).

Schritt 2: Angepasste Steuern ermitteln: Die berücksichtigungsfähigen Steuern umfassen laufende und latente Steuern, ebenfalls angepasst um GloBE-spezifische Korrekturen.

Schritt 3: Effektiven Steuersatz berechnen: ETR = angepasste Steuern / GloBE-Einkommen je Jurisdiktion.

Schritt 4: Top-up Tax berechnen: Liegt der ETR unter 15 %, wird die Differenz als Top-up Tax fällig. Substanzausnahmen (Substance-based Income Exclusion) reduzieren die Bemessungsgrundlage anhand von Lohnkosten und Sachanlagen in der Jurisdiktion.

Schritt 5: GloBE Information Return (GIR) einreichen: Ein standardisierter Bericht, dessen Format die OECD in der GIR-Spezifikation (Januar 2025) definiert hat, dokumentiert die Berechnungen und Ergebnisse je Jurisdiktion gegenüber den Steuerbehörden.

Was verändert Pillar Two in Finance konkret?

Pillar Two stellt Finance vor drei operative Herausforderungen:

Datenverfügbarkeit: GloBE-Berechnungen erfordern Daten auf Entitätsebene je Jurisdiktion, die in konsolidierten ERP-Systemen oft nicht granular genug vorliegen: Lohnkosten je Entität, Sachanlagen je Entität, steuerliche Buchungsdaten auf Einzelgesellschaftsebene. In klassischen Konsolidierungssystemen stehen diese Datenpunkte nicht standardmäßig bereit. Hier ist die Verbindung zu Record-to-Report direkt: Die Datenqualität im Abschlussprozess entscheidet über die GloBE-Berechnungsgrundlage.

R2R-Prozess: Neue Buchungspflichten für Top-up-Steuern, GloBE-Anpassungen in der Steuerbilanz und zusätzliche Konsolidierungsschritte verändern den Record-to-Report-Prozess. Der Abschluss muss neue Berechnungslogiken integrieren, was den Fast-Close unter Druck setzt, solange keine automatisierten Lösungen existieren.

Systemlandschaft: ERP-Systeme ohne Pillar-Two-Logik müssen durch Satellitensysteme, Tax-Management-Lösungen oder manuelle Prozesse ergänzt werden. Marktlösungen für Pillar-Two-Compliance entstehen gerade; Reife und Integration variieren erheblich.

Entwicklungsstand: Wo steht Pillar-Two-Compliance heute?

Von der OECD-Einigung (Oktober 2021) bis zur EU-Richtlinie (Dezember 2022) bis zur Anwendung (Januar 2024) vergingen weniger als drei Jahre. Eine Geschwindigkeit, die Systemanbieter und Prozesse kaum mithalten konnten.

In der ersten Anwendungsphase 2024 dominieren drei Merkmale: Manuelle Übergangslösungen (Excel-basierte GloBE-Berechnungen), hohe Unsicherheit bei Detailfragen der Auslegung (OECD-Guidance wird laufend ergänzt) und erheblicher Abstimmungsaufwand zwischen Tax und Finance für die Datenbeschaffung.

Mittelfristig entwickelt sich Pillar Two zu einem dauerhaften Systemprozess: GIR-Einreichungsfristen werden enger, Datenqualitätsanforderungen steigen und automatisierte Lösungen werden zur Voraussetzung für skalierbare Compliance. Auch Tax Governance im Finance, die organisatorische Gestaltung der Tax-Finance-Schnittstelle, wird durch Pillar Two strukturell wichtiger.

Fazit: Pillar Two als dauerhafter Finance-Prozess

Pillar Two ist keine einmalige Compliance-Aktion, sondern ein dauerhafter Systemprozess, der GloBE-Berechnungen, GIR-Einreichungen und neue Buchungslogiken als jährliche Routine verlangt. Der Abstand zwischen regulatorischem Inkrafttreten und operativer Reife ist in der Branche erheblich und schließt sich erst mit automatisierten Lösungen und reiferen Datenprozessen.

Auf den Shift/Finance Events diskutieren wir Pillar Two als Finance-Operationsthema: Datenbeschaffung, Prozessintegration in R2R, Systemarchitektur und die Organisationsfrage Tax vs. Finance. Steuerrechtliche Beratung ist nicht Gegenstand der Plattform, wohl aber die operative Gestaltungsaufgabe, die Finance-Teams konkret zu lösen haben. Mehr in der Shift/Finance Themenübersicht. Im Zusammenhang mit parallelen regulatorischen Anforderungen relevant: ESG-Nachhaltigkeitsreporting und ViDA.

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